Interreligiöse Begegnungen – Meine Füße auf weitem Raum

Nachklänge  aus der Tagung der Fachgruppe Theologie in Springe / 29.-31.1.2016

Interreligiöse Begegnungen – Meine Füße auf weitem Raum

Unsere Fachtagung 2016 in Springe bei Hannover widmete sich dem Thema Interreligiöser Dialog am Beispiel des Islam. Als Referenten eingeladen waren Dr. Matthias Scharer und Dr. Mahmoud Abdallah von der Universität Tübingen

Hier die Eindrücke zweier Teilnehmender:

Joachim, wenn ich an unsere Tagung denke, fallen mir zuerst zwei Dinge ein: Herrn Abdallahs Rezitation der Koransuren 55:1ff; 2:286f und 1 während unseres Morgengebets am Sonntag;  Urklänge, in denen auch die Gesänge der Orthodoxie und der Gregorianik gründen; so elementar sie scheinen, müssen sie in jahrelangem Studium erlernt werden. Für uns so fremd wie reizvoll: Nur die besonders sinnträchtigen Worte des Koran werden kunstvoll melismatisch gesungen, während andere eher gemurmelt werden; es erinnert mich an das Rosenkranzgebet, das Herzensgebet und an Röm. 8,26 ff. So bin ich gewiss, der Allerbarmer wird sich unser aller Gemurmel und Gestammel zu Herzen nehmen.

Und dann die Anekdoten, die er uns erzählte, damit wir einen Blick in eine Methode koranischer  Interpretation tun können. Überhaupt: sein Erzählen- von seiner Herkunft, den mühsamen Anfängen hier in der Fremde, wo allein schon die ungewohnte Leserichtung zu witziger Verwirrung führen kann.
Ich erlebe, wie das Erzählen ermöglicht,  „in den Schuhen des anderen zu gehen“, so dass sich ein Horizont des tieferen Verstehens auftun kann. So finde ich muslimisch – christlich Verwandtes:
Was im Koran poetisch zu Suren geformt ist, fußt in einem riesigen soziohistorischen Grund, ähnlich wie unsere biblischen Texte. Beide müssen immer wieder neu nach ihrem Kontext damals wie nach ihrem Sinn für heute befragt werden. Dabei ist die Inspiration Mohammeds durch den Engel Gabriel für Muslime ebenso fundamentales „depositum fidei“ wie die Inspiration der biblischen Autoren durch den Hl. Geist für uns Christen.

Irmhild, für Herrn Abdallah enthält der Koran Predigten, die andere gesammelt haben. Abu Bakr, der erste Kalif, hat alle Texte von allen Schreibern gesammelt und aus den übereinstimmenden Niederschriften einen Text zusammengestellt. In dieser Tradition hat der Erzengel Gabriel sowohl Inhalte wie auch Schreibweise mitgeteilt. Der Text des Koran ist einmalig und kann nicht nachgedichtet werden. Weil der Text des Koran heilig gehalten wird, ist es noch nicht möglich, zwischen Verständnisfragen und häretischen Fragen zu unterscheiden. Herr Abdallah: „Der Islam braucht eine Anwendungsmethodik; Muslime müssen lernen, Koranstellen zu reflektieren.“

Joachim, bei der Tagung 2015 war der Wunsch aufgekommen, etwas mehr vom persönlichen Glauben zu zeigen / zu hören. Diesmal konnten, wie mir scheint, mehr als sonst die eigenen, auch schwierigen Erfahrungen z.B. mit interreligiösen Begegnungen zur Sprache kommen. Ich erlebte Offenheit und das Bedürfnis nach Klärung. Wir hatten das Glück, in unseren beiden Referenten engagierte „Motoren“ der ökumenischen Forschung bei uns zu haben; z.Zt. arbeiten sie u.a. für die Realisation eines „Interreligiösen Campus“ in Tübingen. Das Projekt kommt sicher zum richtigen Zeitpunkt; denn: einerseits ist die Orientierungskraft der Religionen deutlicher denn je im öffentlichen Bewusstsein präsent. Andererseits stehen die Religionen in der Kritik, z.B. in Hinblick auf ihre Beziehung zu Macht und Gewalt. Die Weltreligionen müssen sich der Frage stellen: Wie kommen die Erkenntnisse der Theologien in die Herzen der Menschen in unserer globalisierten Welt? Die Antwort möchte die weiter zu entwickelnde „Theologie des Zusammenlebens“ (B.J. Hilberath, M. Scharer, M. Abdullah u.a.) geben, die im ersten Schritt lehrt, den Fremden und das Fremde vorbehaltlos und frei von Überheblichkeit willkommen zu heißen.
Es war hilfreich, dass uns Herr Abdallah gleich am Samstagmorgen die wichtigsten Grundbegriffe islamischer Theologie erläuterte, über die wir leicht „stolpern“.

Irmhild, diese Arbeitseinheit hatte es in sich! Denn wir beschäftigten uns als erstes und sehr ausführlich mit der Bedeutung des Wortes „Islam“. „Ergebenheit“, „Unterwerfung“ und „Friede“ sagen Christen; „Unterwerfung“ erinnert sie an den Ruf der Kreuzfahrer „Gott will es!“ „Islam“ kann einerseits heißen: „Gott hat alles vorherbestimmt, ich brauche nichts weiter zu tun“; oder auch: „Erst wenn ich mich mit meinen Kräften redlich bemüht habe, kann ich sagen: es liegt in Gottes Hand.“
Dazu erzählte Herr Abdallah die Geschichte von den zwei Raben: Der zweite Kalif sah einen Mann täglich fünfmal zum Gebet in die Moschee kommen. Deshalb fragte er ihn: „Hast du denn keine Arbeit?“ Der Gläubige antwortete ihm: „Auf dem Weg von Mekka nach Medina sah ich zwei Raben; der eine hatte einen gebrochenen Flügel, und der andere versorgte ihn. Da sagte ich mir: `Gott lässt mich nicht im Stich, er wird für mich sorgen.` Fragte der Kalif: `Warum hast du dich nicht entschieden, der gesunde Rabe zu sein?“

Joachim, mir zeigt diese Anekdote auch, dass der Islam im Grunde viel „vernünftiger“, der Lebenswirklichkeit angemessener ist, als wir Christen in Unkenntnis des Koran mutmaßen.
Erstaunt und froh bin ich über die Aussagen von Herrn Abdallah über die Beziehung von Mann und Frau (s. bes. Suren 128 und 130), zur nicht vom Koran geforderten Verschleierung, zu Zwangsverheiratung u.a. Themen, die uns Christen / Europäer befremden, jedoch eher historischen Fehlentwicklungen, patriarchalen Bedürfnissen oder archaischen Vorstellungen geschuldet sind.

Irmhild, am meisten beschäftigt mich noch die Reflexion zum Morgengebet am Sonntagvormittag. Jürgen hatte einen Verlauf zusammengestellt und auch Herrn Abdallah gebeten, Suren vorzutragen. Im anschließenden Gespräch wurde mir deutlich, wie unterschiedlich Christen, evangelische wie katholische, und ein Muslim mit Texten für ein gemeinsames Gebet umgehen.
Du hast uns eingeladen, uns mit Leib und Seele in das Gebet einzufinden: Dank, Anbetung, Bitte, Hingabe mit Gebärden auszudrücken. Herr Abdallah war abends vorher nicht im Kreis gewesen, als Du uns diese Form des Gebetes vorgestellt hast. Am Sonntagmorgen fühlte er sich verunsichert; denn einerseits musste er auf Dich schauen, um die Bewegungen mitmachen zu können; andererseits verbietet ihm seine religiöse Überzeugung, Betenden zuzuschauen.
Und auch der Umgang mit religiösen Texten erscheint mir sehr verschieden. Professionelle Christen „stricken“ einen Gottesdienst nach thematischen Gesichtspunkten oder nach Anliegen oder nach Bedürfnissen von Gottesdienst“teilnehmerInnen“/ --besucherInnen“.
Herr Abdallah hatte Suren ausgesucht, die den Kern seiner Religion ausdrücken. Und er hat nicht vorgebetet, sondern gebetet; in dem Vertrauen, dass Gott versteht, was (Mit-) Beter meinen, auch wenn sie der Sprache des Koran nicht mächtig sind.

Joachim, mir liegt schwer auf der Seele, vor der Andacht unsere beiden zugewandten Referenten nicht eigens auf das „Beten mit Leib und Seele“ und dessen Sinn hingewiesen und ihr Einverständnis erfragt zu haben (so wie es  ja auch in der  Gruppe geschehen war).
Dass Jürgen zur Einstimmung JohannSebastian Bachs Motette „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“ ausgesucht hatte, ist mir sehr nahe gegangen: Es ist doch immer wieder ein zitternder Versuch, so ein gemeinsames Gebet!
Die Spannung fiel erst von mir ab, als Herr Abdallah sagte, zum ersten Mal ein wahrhaft gemeinsames interreligiöses Gebet erlebt zu haben.

Irmhild, ich denke, alle, die an der diesjährigen Tagung teilgenommen haben, bekamen einen kompetenten Einblick in den „theologischen Islam“; die Begrenzung auf diesen Bereich halte ich für sinnvoll und gewinnbringend. Die Zeit nach der Schlussredaktion bezeichnet Herr Abdallah als „Historischen Islam“. Diesem Islam begegnen christliche, jüdische, säkulare, atheistische Zeitgenossen auf Schritt und Tritt.
Ich stelle mir vor, wir könnten einmal Zeugen eines Dialogs von Herrn Abdallah mit einem anderen, aus Ägypten stammenden und in Deutschland lebenden Muslim sein, Hamed Abdel-Samad. Das wird wohl eine Illusion bleiben müssen, denn die Fatwa eines ägyptischen Gelehrten zwingt ihn, in Deutschland verborgen und unter Polizeischutz leben zu müssen.
Die Tagung verlief in einer Atmosphäre, in der wir Christen den muslimischen Gesprächspartner jederzeit und zu allem fragen konnten, „ohne das Gefühl zu haben, in ein Fettnäpfchen zu treten“. (Gabriele)
Joachim, ich fand unsere Tagung ebenso wohltuend wie inspirierend, und so habe ich mir gleich am nächsten Tag die Koran-Ausgabe von Hartmut Bobzin gekauft. Ich lese oft darin; und wenn ich spreche „Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers“, wünsche ich mir, mich eines Tages mit Musliminnen darüber auszutauschen, was für sie / für mich „Barmherzigkeit“ bedeutet und wann und wo wir Barmherzigkeit erfahren haben.
Irmhild Richter          Joachim Klupsch

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